Der Fall Guttenberg: Archetypen, Lügen, Gaffer und Quantentheorie
Amir,
ich habe mir eine Zeit lang überlegt, ob ich wirklich über den Fall Guttenberg schreiben soll. Und das auch noch im Rahmen des Fukuoka Projects. Aber dann habe ich in den letzten Tagen so viele Fragezeichen erlebt, so viel maßloses Erstaunen darüber, dass auf einmal ein paarhunderttausend Leute eine Facebook-Seite pro Guttenberg gut finden können, dass ich das Thema doch nicht vorbeiziehen lassen konnte. Denn der Fall Guttenberg beinhaltet so viel von dem, was wir hier im letzten Jahr diskutiert haben, dass er sich doch für eine Betrachtung durch die Fukuoka-Brille mehr als eignet.
Der Fall Guttenberg ist eine wundervolle Analogie zum Fall der klassischen Werbung in Zeiten des Internets. Zunächst war da der strahlende Freiherr und Politiker, der blitzblanke Meister Propper aus der Werbung, der strahlte, der volksnah war und empathisch wirkte. Der eine derartige Popstar-Ausstrahlung hatte, dass niemand auch nur auf die Idee kam, hinter die Fassade zu blicken. Das bunte Plakat, das eine gute Zukunft verhieß, das an der Oberfläche strahlte und glänzte. Die lupenreine Marke, deren Kern komplett verborgen war. Der Mensch, dessen Geschichte den klassischen Archetypus des Helden widerspiegelte, der sich in einer verdorbenen Politumgebung in den Vordergrund drängelte und uns sagte: Kauft mich und alles wird gut. Da niemand das Produkt wirklich „benutzte“ konnte sich durch Mundpropaganda im Netz auch kein negatives Bild verbreiten, wie es beim nächsten „iPad Killer“ der Fall gewesen wäre. Und auch die Sternchentexte (also: Fußnoten) las erst einmal niemand genauer durch.
Doch dann machte sich jemand die Mühe, einmal genauer hinzusehen. Und schon war nichts mehr, wie es vorher gewesen war. Denn das allwissende Netz, die „Intelligence of the Masses“ hatte auf einmal einen Angriffspunkt, der perfekt dazu geeignet war, das Gebäude zum Einsturz zu bringen. Und es zeigte sich, dass all das, was wir hier schon lange diskutieren nicht Zukunft ist, nein es ist die Gegenwart: Verknüpfte Individuen sind dazu in der Lage, ein Werbeversprechen zu hinterfragen, es gemeinsam immer weiter auszuhöhlen und schließlich zum Einsturz zu bringen.
Soweit, so gut. Aber wieso war der Fall dann noch nicht am Ende? Weil ein Teil der Getäuschten diesen Einsturz des Helden, diesen Flug des Ikarus in Richtung Sonne und das Verbrennen der Flügel im gleißenden Licht nicht wahrhaben konnten. Denn das Hereinfallen auf eine Lüge und das Eingestehen, dass man auf diese Lüge hereingefallen ist, bedeutet ja auch, die eigene Leichtgläubigkeit zu entlarven. Und das fällt nicht jedem leicht. Also begannen erste Enttäuschte, die das alles nicht wahrhaben konnten, Facebook-Seiten zu starten – und eine davon entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit quasi zum Selbstläufer. Bis heute hat sie über 500.000 Anhänger.
Und jetzt wird es spannend: Wieso war das Thema nicht erledigt, wieso fingen jetzt Gegner der Fans an, wiederum Gegenseitenaufzubauen? Nun: sie fielen auf eine Zahl herein. 500.000 Fans. Denn die (falsche) Annahme, dass sich hier 500.000 Fans von Guttenberg zusammengefunden hatten, das wiederum konnten die Gegner nicht wahrhaben. Leichter wäre es allerdings gewesen, sich die Dynamik des Netzes anzusehen und sich zu fragen: handelt es sich hier wirklich um Fans? Oder ist die Facebook-Fanseite zu Guttenbergs nicht doch eher ein kleiner Kreis glühender Verehrer und ein großer Kreis... Gaffer. Was ich für wahrscheinlicher halte. Und hier kommt ein Aspekt der Quantentheorie ins Spiel. „Der Beobachter muss in die Experimente miteinbezogen werden, da er durch die Detektion bzw. Messung des genauen Weges eines bestimmten Teilchens den Ausgang des Experiments entscheidend verändert“ (Quelle: Wikipedia - http://en.wikipedia.org/wiki/Observer_effect_(physics)).
Dieser Effekt der bislang nur für Sonderfälle in der Physik galt, scheint mir auch auf die Medien überzuspringen (da kamen auch schon andere drauf: http://chiefsocialofficer.com/do-you-like-being-watched-the-uncertainty-principle-and-social-media-marketing/). Und zwar aus einem guten Grund: Alles ist mit allem vernetzt. Und das geht so: eine kleine Gruppe von Guttenberg-Befürwortern gründet eine Facebook-Seite. Sie verbreitet diese Information via Twitter und Facebook bei Freunden und Followern. Darunter sind sehr schnell auch Guttenberg-Gegner. Sie können es nicht fassen und gehen auf die Guttenberg-Fanseite. Um diese kontinuierlichbeobachten zu können werden sie selbst Fans – dann haben sie News direkt in ihrer Timeline. Das Resultat: Die Zahl der Fans auf der Seite steigt schneller. Auch die klassischen Medien, die zunächst vor allem online berichten, springen auf den Zug auf. Eine große Leserschaft wird erreicht. Und die machen das gleiche: sie gaffen, also liken. Der ganze Unfall wird zu einem großen Happening. Immer mehr Leute nehmen Teil – bis der Kern der Aktiven von einer großen Menge an Zuschauern umringt ist.
Das bringt ein Problem der genauen Messung von Social Media Fanpages ans Licht: wer sind die Fans, wie sind sie auf eine Seite aufmerksam geworden und was ist ihre Motivation selbst Fan zu werden? Wir kennen die Zahlen. Aber wir kennen die Motivation hinter diesen Zahlen nicht. Und wir können das Geschehen nicht messen, ohne Teil des Geschehens zu werden. Denn: Wir sind alle mit allem vernetzt. Es gibt keine Trennung mehr zwischen uns und dem Geschehen. So wird jeder zum Guttenberg-Fan, selbst dann, wenn er ein Guttenberg-Gegner ist. Ein Held ist gefallen, und wir sind alle mit ihm verbunden. Ob wir das wollen oder nicht.








